Nicht immer direkt auf den Everest

Weinheimer Nachrichten vom 18. Juli 2019

Auf den Schulverbund an der Dietrich-Bonhoeffer-Schule ist Gudrun Aisenbrey stolz. Elf Jahre war sie als Schulleiterin maßgeblich dafür verantwortlich, dass die rund 1500 Schüler eine gute Lernumgebung haben. Am 31. Juli geht die Mathe- und Physiklehrerin in den Ruhestand – engagiert ist sie bis zum letzten Tag.

Ab August können Sie bei „Fridays for Future“ mitmachen.

Gudrun Aisenbrey: Das werde ich sicher tun. Aber es war und ist für alle Schulen eine Herausforderung, gut mit dieser Form des Protestes umzugehen. Wir haben das an der Dietrich-Bonhoeffer-Schule gut hinbekommen.

Einerseits die Schulpflicht, andererseits ein wichtiges Thema, das vor allem junge Menschen sehr bewegt.

Aisenbrey: Die Demonstrationen haben viel Wichtiges angestoßen, aber in der Praxis wurde mit dem Protest zur Schulzeit ein falsches Signal gesetzt. Es ist mir wichtig, zu betonen, dass niemand die Versammlungsfreiheit beschneiden will. Wer das behauptet, liegt vollkommen falsch. Ich hoffe, dass demnächst alle Seiten konstruktiv die Umweltfragen angehen und dass der Wunsch nach mehr Umweltbewusstsein auch in praktisches Verhalten fließt. Wir wollen uns an unserer Schule mit Schülermitverantwortung, Kollegium und Schulleitung zusammensetzen und über konkrete Schritte zu diesem Thema für den Schulalltag sprechen.

Die Schule im politischen und gesellschaftlichen Spannungsfeld mit Strömungen und Veränderungen haben Sie als Schulleiterin ja auch beim Thema digitaler Unterricht erlebt. Kam das alles zu rasant?

Aisenbrey: Differenzierten und schüleraktivierenden Unterricht kannten wir ja schließlich schon vorher. Ich stelle allerdings fest, dass mit der Einführung von Tablets für den Unterricht die Selbstverantwortung für das eigene Lernen stieg.

Das müssen Sie etwas genauer erklären.

Aisenbrey: Die Technik bietet mehr Möglichkeiten, an eine Fragestellung heranzugehen, der Raum zum eigenständigen Erarbeiten einer Aufgabenstellung ist größer geworden und erfordert Kreativität und technische Fertigkeiten bei der Darstellung der Ergebnisse und der Präsentation. Die Schüler lernen das schnelle und zielgerichtete Recherchieren im Netz und den Umgang mit den Geräten. Tablets sind nun mal die moderne Form der Kommunikation. Vor Kurzem hat mir ein Schüler erklärt, dass er mit Tablet viel strukturierter arbeitet und kein Blätterchaos mehr in der Schultasche hat.

Aber vielleicht stattdessen Chaos auf dem Tablet.

Aisenbrey: Nein, das glaube ich nicht. Es war nachvollziehbar.

Ist die Bonhoeffer-Schule bestens ausgestattet für digitale Unterrichtsformen?

Aisenbrey: Wir haben, auch durch die Unterstützung der Hopp-Foundation, eine Tablet-Klasse bilden können. Außerdem konnten wir einige Tabletkoffer anschaffen, um nach Bedarf projektorientiert mit einzelnen Klassen zu arbeiten. Im Endgerätebereich sind wir ganz gut bestückt. Was wir absolut dringend und so schnell wie möglich brauchen, ist ein leistungsfähiges Leitungsnetz und einen Breitbandanschluss. Ohne schnelle und gute Leitungen funktioniert das Ganze nicht.

Dass die Bundesregierung ein zweites, milliardenschweres Förderprogramm für den digitalen Unterricht auflegt, hilft also auch der Dietrich-Bonhoeffer-Schule in Weinheim?

Aisenbrey: Ich hoffe, dass das Geld dort ankommt, wo es gebraucht wird, und vor allem, dass es praktisch schnell umsetzbar ist. Wir stellen dafür Anträge und arbeiten an unserem Medienentwicklungsplan.

Und auch an Ihrer Schule fehlt die Stelle eines IT-Experten.

Aisenbrey: Das ist das nächste Thema. Die technische Überwachung und Garantie der Funktionsfähigkeit des digitalen Unterrichtsnetzes kann auf Dauer nicht bei Lehrern liegen, die sich zufällig mehr als andere damit beschäftigen und mit der Technik auskennen.

Würden Sie sagen, dass der Schritt in den digitalen Unterricht in Deutschland verschlafen wurde?

Aisenbrey: Ja, das muss man leider so sagen. Wenn heute die Stundentafel in Klasse 7 pro Woche gerade mal eine Stunde Informatik hergibt, dann ist das nicht mehr als ein kleiner Sonnenstrahl für das Verstehen des in der heutigen Zeit so wichtigen Themenfeldes. An unserer Schule haben wir deshalb in Klasse 8 wenigstens noch eine weitere Stunde dazugenommen.

Sehen Sie nicht auch die Gefahr, dass bei aller Begeisterung für den digitalisierten Unterricht Wichtiges aus der anderen, der analogen Welt verloren geht, was die Persönlichkeit ausmacht?

Aisenbrey: Was meinen Sie damit konkret?

Zum Beispiel wurde schon darüber diskutiert, ob das Schreiben mit dem Stift nicht abgeschafft und gleich auf der Tastatur gelehrt werden soll.

Aisenbrey: Die Schrift ist ein wichtiger Teil der Persönlichkeit eines Menschen. Ich halte sie für unverzichtbar. Übrigens schreiben unsere Schüler mit dem Stift auf dem Tablet.

Also eine moderne Schiefertafel.

Aisenbrey: (lacht) Könnte man so sagen, aber ohne das schreckliche Quietschen und Kratzen des Griffels von damals, das Gänsehaut verursachte.

Und dann gibt es noch die vielen Lernvideos im Netz. Sind diese Lehrfilme eine Konkurrenz zum Unterricht?

Aisenbrey: Sie können nützlich sein, weil sie eine beliebige Zahl von Wiederholungen eines Stoffes ermöglichen. Den Unterricht ersetzen sie aber nicht.

Sicher?

Aisenbrey: Es geht beim Lernen nicht nur darum, Kochrezepte zu beherrschen. Das intensivere Verständnis des Stoffes wird im Zusammenwirken von Lehrer und Schüler erreicht. Das Youtube-Video ist allenfalls eine Ergänzung. Man kann übrigens ja auch ganz schnell die Perspektive wechseln und zum Schüler sagen: Mach du mal ein Erklärvideo.

Was wirkt sich Ihrer Meinung nach besonders motivierend aufs Lernen aus?

Aisenbrey: Das Lernklima in einer Schule ist mit um die 60 Prozent einer der wichtigsten Faktoren des Lernerfolgs. Zum Wohlfühlen gehört ein offenes Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern und eine offene Lehrerzimmertür, die jederzeit Gesprächsbereitschaft signalisiert. Auch die Schaffung von Schulsozialarbeiter-Stellen war in diesem Zusammenhang enorm wichtig. Gleichwohl wird natürlich auch etwas schulisch verlangt.

Sie erleben sicher, dass der Leistungsdruck für einige Schüler immens hoch ist, und dass sie sich oft auch selbst diesen Druck machen. Was kann man dagegen tun?

Aisenbrey: Eine wesentliche Voraussetzung für gutes Lernen ist die Balance zwischen der Forderung, die an einen gestellt wird, und der Leistungsfähigkeit. Eine Überforderung führt zu Frustration, eine Unterforderung zu Langeweile. Deshalb ist es enorm wichtig, dass sich ein Kind in der richtigen Lernumgebung befindet. Die unterschiedlichen Schularten in Baden-Württemberg bieten vielfältige Möglichkeiten, um für jeden Lerntyp den passenden Weg zu finden. Es gibt viele Schüler in der falschen Schulart. Irgendwann nicht mehr mitzukommen und schlechte Noten zu schreiben, das ist nur noch frustrierend. Ich kann Eltern nur dringend raten, nicht unter allen Umständen den steilen Weg zu wählen. Man muss nicht immer auf direktem Weg auf den Gipfel des Mount Everest.

Wäre es Ihnen lieber, es gäbe noch die verbindliche Grundschulempfehlung?

Aisenbrey: Ja, das wäre mir tatsächlich lieber.

Auch Schulleiter scheinen heutzutage unter besonderem Druck zu stehen. Wie anders kann man es sich erklären, dass es auf Ihre Stelle bislang keine Bewerbung gab?

Aisenbrey: Ich bin jeden Tag gerne in der Schule, auch als Schulleiterin, und ich bin stolz auf das allgemein gute Klima an der DBS, froh über die verschiedenen Kooperationen und stolz auf das gute Abschneiden bei unserer Evaluation. Vielleicht schreckt die Größe unserer Schule manche Kollegen ab, hier eine Leitungsfunktion zu übernehmen, zumal sich die Bezahlung nicht an der Schulgröße orientiert. Außerdem waren im Bereich des RP Karlsruhe meines Wissens in diesem Jahr in Nordbaden 16 Schulleiterstellen an Gymnasien zu besetzen.

Dann machen Sie doch bitte abschließend noch mal Werbung für diese Funktion. Was zeichnet eine gute Schulleiterin aus?

Aisenbrey: Das Wichtige vom weniger Wichtigen im Schulalltag unterscheiden lernen. Stimmung und Themen im Blick haben und die richtigen Impulse und den Raum für Neues geben. Vor allem aber sollte man gelassen, interessiert und stets gesprächsbereit durch den Schulalltag gehen.

Zur Person

Gudrun Aisenbrey macht 1975 ihr Abitur am Hilda-Gymnasium in Pforzheim.

Von 1975-81: Studium Mathematik und Physik an der Uni Heidelberg.

Von 1981-83: Referendariat am Helmholtz- und Bunsen-Gymnasium Heidelberg.

1989-2000: Studienkolleg der Uni Heidelberg. Sie unterrichtete Studenten aus aller Welt mit Studienzulassung in Deutschland.

2000-2008: Elisabeth-von-Thadden-Schule Heidelberg. Ab 2001 stellvertretende Schulleiterin.

2008-2019: Leiterin des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums und des Dietrich-Bonhoeffer-Schulverbundes in Weinheim.

Autor: Jürgen Drawitsch
Weinheimer Nachrichten, Lokalfeuilleton

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