AC/DC im weißblauen Himmel

Weinheimer Nachrichten vom 17. Mai 2018 rav

Weinheim. Die Monate der Vorbereitungen und Proben haben sich für das Guckkastentheater der Dietrich Bonhoeffer-Schule auch in diesem Jahr gelohnt. Unter der Regie von Liane Schneider hatten sich Schülerinnen und Schüler der Klassen 10 und 11 keinen einfachen Stoff ausgesucht.

Der Begriff „Bayrische Komödie“ lässt zwar an Alpenglühen und Schuhplattler denken. Doch die Geschichte „Der Brandner Kaspar und das ewige Leben“ von Franz von Kobell ist mehr als ein lustiger Bauern-Schwank und gehört in Bayern zu den am meisten aufgeführten Stücken. Hierzulande ist diese Komödie, die ebenso viel schwarzen Humor wie Tiefgang enthält, kaum bekannt, obwohl das Nationaltheater Mannheim den „Brandner Kaspar“ unlängst auf dem Spielplan hatte.

Volkstümlicher Auftakt

Das Guckkasten-Ensemble startet das Stück ganz volkstümlich mit Dirndl und Lederhosen zum ohrenbetäubenden Blechschlagen einer Treibjagd, die sowohl auf der Bühne als auch in einer Video-Einspielung stattfindet. Vor dem idyllisch angestrahlten Berg, von Daniel Rudi, einem ehemaligen DBS-Schüler, ebenso herrlich kitschig gestaltet wie der Video-Film, versammeln sich die bewaffneten Dorfbewohner, um die kapitale Gams zu schießen. Was sich wie ein typischer Bauernschwank anlässt, erhält die ersten ernsten Zwischentöne, als der 72-jährige Brandner Kaspar, großartig verkörpert von Christopher Keller, Besuch vom „Boandlkramer“ (Altbairisch für den Tod) bekommt. Der möchte ihn ins Jenseits mitnehmen, doch der Brandner fühlt sich noch zu fit zum Sterben, ein paar Liegestützen bringen den Beweis.

Als sich der Boandlkramer unbeeindruckt zeigt, bietet ihm der Bauer seinen selbstgebrannten Kirschschnaps an. Nach zwölf Gläsern des „feinen Stöffchens“ zusammen mit einem Kartenspiel erschwindelt sich der Kaspar weitere 18 Lebensjahre. Die bringen ihm jedoch auf Dauer kein Glück, denn seine geliebte Enkelin Marei stirbt bei einem Bergunglück.

Der Himmel der Bayern

In der Zwischenzeit stellt der Portner, bayrisch für Petrus, beim Überprüfen seiner Himmels-Liste fest, dass der Brandner längst überfällig ist. Der Boandlkramer gesteht sein Kirschgeist-Besäufnis und das irdische Kartenspiel. Das kann nur damit wieder gut gemacht werden, in dem der Brandner auf dem schnellsten Weg ins Paradies befördert werden muss. Zum Glück ist der Kaspar ein Bayer, denn Preußen sind im weiß-blauen Himmel nicht zugelassen. Geradezu grandios sind die Ideen, mit denen Regisseurin Liane Schneider, ein wenig Rock’n’Roll in das bayrische Traditions-Stück bringt. Abgesehen von AC/DCs „Highway To Hell“, ein Titel, der ausgerechnet von der ganz in weiß gekleideten Himmelsbesatzung gesungen wird und einem mitreißend stampfenden „Rock me“, dürfte die Darstellung des Boandlkramers wohl einmalig sein.

Denn Schneider lässt den Tod von zwei Darstellerinnen gleichzeitig spielen. Punkig geschminkt mit langen schwarzen Umhängen bringen Mara Erdel und Franziska Pult eine wunderbare Mischung aus unwiderstehlichem Charme und schwarzem Humor in die Figuren der vom Kirschgeist erfüllten Sensefrauen. Klasse, wie sie später zerknirscht und reumütig ihr Schnaps-Besäufnis vor dem bayrischen Himmelsgericht gestehen, während eine „Boandlkramerin“ stets den angefangenen Satz der anderen vollendet.

Mit einer List locken die attraktiven Knochenfrauen den Kaspar in ihren schwarzen Leichenwagen, den das findige Guckkasten-Team aus einem alten Einkaufswagen gebastelt hat. Wie ein roter Faden laufen Humor und Tiefgang durch die gesamte Inszenierung. Anders als im „Jedermann“ wird die Angst des Menschen vor dem Tod hier zur schwarzen Satire.

Das junge, vortrefflich agierende und mit tosendem Applaus bedachte Ensemble sorgt zudem für jede Menge frischen Wind sowohl auf den bayrischen Bergen als auch im weißblauen Himmel, in dem es nicht nur die besten Weißwürscht gibt, sondern sich auch kleine irdische Sünden nach ein paar Maß in Sternenstaub auflösen. rav

Weitere Vorstellungen heute und morgen, um 19.30 Uhr

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